ZWEITER
BEHANDLUNGSTAG

Lapidius hatte die Nacht über kaum ein Auge zugetan. Immer wieder waren seine Gedanken zu Freyja Säckler gewandert. Und nicht wenige Male war er versucht gewesen, durch den Sprechschacht das Wort an sie zu richten. Doch er hatte es unterlassen. Freyja schlief tief und fest, das wusste er; schließlich hatte er ihr am gestrigen Abend eigenhändig ein Tranquilium verabreicht.

Er stand rasch auf, reinigte sich am Waschgeschirr und kleidete sich an. Dann steckte er den Kopf durch die Küchentür. Marthe hantierte bereits geschäftig mit Töpfen und Pfannen. Sie pflegte, mit seinem Einverständnis, stets für drei zu kochen, um am Nachmittag ihrer alten Mutter etwas vorbeibringen zu können. »Marthe, ich gehe mal rasch hinüber zu Tauflieb.«

»Was? Wie?«, schreckte die Magd auf. »Oh, Herr, hab Euch gar nich gehört. Guten Morgen. Was sachtet Ihr?« »Ich gehe mal rasch zu Meister Tauflieb.«

»Ja, so. Gut. Un wassis mit Essen?«

»Ich habe jetzt keinen Hunger, und bis Mittag bin ich lange zurück.«

Marthe begann Bohnen in einen Napf zu schnippeln. »Sollich für vier kochen? Weil Freyja doch da is …«

»Nein, die Patientin bekommt für die Zeit der Behandlung ausschließlich Flüssigkeit. Die kann sie zusammen mit den kranken Säften ausschwitzen.«

»Gar nix Festes? Kein Braten, kein Käse, kein Gemüse nich? Dassis aber ne komische Krankheit, wo man nich richtich zu beißen kriegt, um aufe Beine zu kommen, un ich will auch nich weiter drüber reden, wie ichs versprochen hab, aber komisch isses doch.« »Die Ärzte sehen eine solche Behandlung vor. Im Übrigen hinterlässt feste Nahrung nur feste … äh … Ausscheidungen, die du dann fortmachen müsstest. Du darfst Freyja täglich eine kräftige Brühe geben, mehr jedoch nicht.«

»Is recht, Herr, wenn Ihrs sacht.«

Lapidius öffnete die Haustür und rümpfte die Nase. Er war sehr geruchsempfindlich, weshalb er mehr als andere darunter litt, dass die Bürger Kirchrodes ihren Abfall einfach auf die Straße kippten. Er hatte Marthe angewiesen, den eigenen Unrat in einem Bottich zu sammeln und alle zwei Tage fortzukarren, ebenso wie sie täglich vor dem Haus zu kehren hatte, aber diese Maßnahmen waren nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Lapidius atmete aus und stelzte an Speiseresten, Hühnerknochen und Urinlachen vorbei zur Schlosserei hinüber. Er klopfte kräftig, um sich gegen die Hammerschläge, die drinnen ertönten, Gehör zu verschaffen. Als ihn niemand hereinbat, stieß er die Tür auf und betrat die Werkstatt. Der Lärm wurde von Gorm verursacht, der sich über einen Schraubstock beugte und Blech umbördelte. Neben ihm stand der Meister, mit Argusaugen die Tätigkeit seines Hilfsmannes überwachend. »Guten Morgen, Meister Tauflieb«, grüßte Lapidius höflich.

»Morgen.« Tauflieb gehörte nicht zu den Freundlichen im Lande. Er sah kaum auf und schnauzte stattdessen Gorm an: »Pass auf, dass die Kante gerade wird!«

»Meister Tauflieb, ich wollte Euch bitten, heute Vormittag an einer meiner Türen ein Schloss anzubringen.«

Tauflieb grunzte.

»Sie befindet sich im Oberstock und ist eher eine Klappe. Sie führt zu einer Abseite, die …«

»Ich habe keine Zeit.«

Wortlos legte Lapidius einen Taler auf die Werkbank.

»Hm, vielleicht kann ich es doch einrichten.« Taufliebs Blick wanderte von der Münze hinauf in Lapidius’ Gesicht. Er hatte eng zusammenstehende Augen, dunkel, forschend, humorlos. »Euch muss eine Menge an dieser Arbeit liegen, da sie Euch so viel wert ist.« »Ganz recht.« Lapidius schluckte. Er hatte geahnt, dass die Unterredung mit Tauflieb nicht erfreulich sein würde. Der Meister war wenig beliebt in Kirchrode. Er galt als verschlossen und misstrauisch. Nur der Tatsache, dass sein handwerkliches Geschick über jeden Zweifel erhaben war, verdankte er sein Auskommen. »Bevor Ihr mich unterbrochen habt, wollte ich sagen, dass die Klappe zu einer Abseite führt, in der eine Frau liegt. Sie schläft dort und schwitzt ihre Krankheit aus. Ich sage das nur, damit Ihr Euch nachher nicht wundert.«

»Eine Frau in einer Abseite? In Eurem Haus?« Tauflieb runzelte die Stirn.

»Ja, es klingt merkwürdig. Ich kann nicht mehr dazu sagen. Nur so viel: Ich handele im Auftrag der Stadt. Das muss Euch genügen. Ich darf Euch bitten, strengstes Stillschweigen zu bewahren, in Eurem eigenen Interesse.«

Tauflieb murmelte irgendetwas, dann kam ihm eine Erleuchtung. »Ist das die Blonde, die mir den Gorm vorgestern von der Arbeit abgehalten hat?«

Der Hilfsmann grinste einfältig, als sein Name fiel.

»Es ist eine kranke junge Frau, die vor sich selbst geschützt werden muss. Deshalb das Schloss. Wenn Ihr es einbaut, seid so freundlich und schneidet außerdem ein Loch in die Türklappe. Ob rund oder eckig, ist mir egal.«

»Das ist Tischlerarbeit«, wehrte der Meister ab. »Ich komme in Teufels Küche, wenn ich anderen ins Handwerk pfusche.«

»Tut es trotzdem. Mir liegt daran, dass möglichst wenige um die Kranke in der Abseite wissen.« Lapidius schob einen weiteren Taler auf die Werkbank.

Tauflieb zögerte. Dann steckte er auch diesen ein.

Lapidius lächelte. »Ich freue mich, Meister, dass wir einander verstehen. Ich verspreche Euch, das bleibt unter uns; ebenso wie Ihr mir versprecht, nicht über die Kranke in der Abseite zu reden.«

Tauflieb spitzte die Lippen. »Alle Achtung, Ihr seid ein raffinierter Kopf, wenn die Bemerkung gestattet ist. Es sei, wie Ihr sagt.« »Und was ist mit Gorm? Wird auch er den Mund halten?« »Für Gorm lege ich meine Hand ins Feuer. Der hält dicht.

Wie heißt es so schön? Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.« »Dann sehe ich Euch später.«

Als Lapidius wieder auf die Böttgergasse hinaustrat, hatte ein frischer Wind eingesetzt. Er wehte von den Bergen herab und vertrieb die üblen Gerüche zwischen den Häusern. Ein Hauch von Frühling lag in der Luft. Lapidius ertappte sich dabei, Lust auf einen kleinen Spaziergang zu verspüren, was aber selbstverständlich nicht in Frage kam. Seine Arbeit im Laboratorium ging vor. Andererseits, wenn er den Gang nun mit etwas Nützlichem verbinden konnte? Zum Beispiel, indem er die beiden Zeuginnen aufsuchte, die Freyja belastet hatten? Wie waren noch ihre Namen? Richtig: Auguste Koechlin hieß die eine, Drusweiler die andere. Maria Drusweiler, wenn er sich recht erinnerte. Beide hatten mit ihren Aussagen dafür gesorgt, dass die Säckler gefoltert worden war. Wobei man von Aussagen kaum sprechen konnte, eher von schweren Anschuldigungen. Sie hätte Kinderfinger zu Salbe eingekocht, hatte es geheißen, und einen Axtstiel zum Bluten gebracht.

Lapidius, ein Mann der Wissenschaft, glaubte nicht an solchen Hokuspokus, auch wenn keinesfalls auszuschließen war, dass es Geister und Dämonen gab. Aber Freyja Säckler eine Hexe? Unsinn. Ein Gespräch mit den beiden angeblich so unbescholtenen Frauen würde Aufklärung bringen. Auch darüber, warum sie solche Ungeheuerlichkeiten behaupteten.

Allerdings hatte er keine Ahnung, wo die beiden wohnten. Was also tun? Plötzlich fiel ihm ein, dass ihm im Gegensatz dazu das Haus des Stadtmedicus durchaus bekannt war. Es lag in einer Seitengasse hinter dem Kornmarkt. Spontan beschloss er, nach dem erkrankten Mann zu sehen. Lapidius kannte ihn zwar nur dem Namen nach – Johannes Gesseler hieß er –, aber immerhin bestand eine Verbindung zwischen ihnen, da Lapidius ihn in der Folterkammer vertreten hatte. »Wohlan denn«, murmelte er, »ich werde dem Herrn meine Aufwartung machen.«

Johannes Gesseler war ein Doctorus medicinae, wie seine Approbation verriet. Sie hing über seinem Bett, gold gerahmt und unübersehbar. Und sie war beileibe nicht das einzig Spektakuläre im Schlafraum des Stadtmedicus, denn daneben erkannte Lapidius die Abbildung eines nackten männlichen Körpers aus der Fabrica von Vesalius, bemerkenswerterweise mit geröteltem Genitalbereich. Dazu, auf Borden stehend, einige Marmorexponate von Geschlechtsteilen sowie mehrere Glashäfen mit menschlichen Organen in Spiritus, ferner präparierte Testikel, Skrota und Penisse. Alles wirkte mehr oder weniger eingestaubt und verriet, dass hier die sorgende Hand einer Frau fehlte.

Gesseler wirkte weit weniger auffällig. Er lag im Bett, klein und unscheinbar, fast etwas Rührendes ausstrahlend. Sein Gesicht war faltig, sein Alter schwer zu schätzen; vielleicht zählte er fünfzig Jahre. Der Gott Adonis, dachte Lapidius unwillkürlich, hat es nicht gut mit diesem Mann gemeint. Laut sagte er: »Gestattet, dass ich mich vorstelle: Lapidius ist mein Name. Ich hatte die Ehre, Euch in der Folterkammer zu vertreten.«

»Ich hörte davon, Magister.« Gesseler hatte eine überraschend angenehme Stimme. »Ich bin Euch sehr verbunden.«

»Ich hoffe, es geht Euch besser? Es hat den Anschein, dass niemand sich um Euer Wohlergehen kümmert.«

»Ich bin ein Eigenbrötler.« Ein Lächeln huschte über die Falten in Gesselers Gesicht. »Aber danke für die Nachfrage, ja, es geht mir ein wenig besser.«

Lapidius fiel auf, dass der Medicus ungewöhnlich langsam sprach, so, als wolle er jedem Wort eine besondere Bedeutung beimessen. Seine Augen unterstrichen seine Worte. Es waren Augen voller Leben.

Als hätte Gesseler Lapidius’ Gedanken erraten, fuhr er fort: »Die Augen sind der Teil meines Körpers, der noch am besten funktioniert. Mit den anderen Partien ist es nicht weit her, wie meine Fallsucht beweist. Sie zwang mich wieder einmal nieder, just zu dem Zeitpunkt, als ich gebraucht wurde.«

»Ich habe schon viel von dieser Krankheit gehört«, sagte Lapidius. »Wie äußert sie sich bei Euch?«

Gesseler winkte ab. »Wie bei jedem anderen Fallsüchtigen auch. Als Arzt mache ich da keine Ausnahme. Erbrechen, Krämpfe, Bewusstlosigkeit. Wenn ich es überstanden habe, manchmal erst nach Stunden, fühle ich mich unendlich matt und reizbar. Am liebsten bleibe ich dann für ein paar Tage im Bett.«

»Ich verstehe. Welche Medikamente verordnet Ihr Euch?«

»Keine.« Der Stadtmedicus winkte abermals ab. »Denn nichts kann mir helfen.«

»Nanu? Ihr nehmt auch keine Brompräparate?«

»Nichts. Gar nichts.«

Lapidius lachte. »Ein Beißholz aber werdet Ihr doch haben, um es bei einem Anfall zwischen die Zähne zu schieben?«

Gesseler versuchte einen Scherz: »Ich verbeiße mich lieber in meine Forschungen, denen ich j ede freie Stunde widme. Ich will Hippokrates’ These endgültig widerlegen, welche besagt, dass der männliche Same von den Rückenwirbeln in die Nieren strömt und von dort in die Hoden. Ein Irrweg, im wahrsten Sinne des Wortes.«

»Aha, nun ja.« Lapidius’ Interesse für derlei Fragen war begrenzt. Es gab zwar Überschneidungen zwischen der Medizin und der Alchemie, und soweit sie seine Arbeit betrafen, hatte er sich mit ihnen beschäftigt, aber alles, was darüber hinausging, kümmerte ihn wenig. Er wechselte das Thema. »Seid Ihr sicher, dass Ihr keine Hilfe braucht? Ich könnte Euch meine Magd vorbeischicken.«

Der Medicus schüttelte den Kopf. »Nein, nein, macht Euch keine Sorgen um einen alten Mann. Ruhe ist alles, was ich brauche. Ruhe …« Er schloss die Augen und drehte den Kopf leicht zur Seite.

Lapidius verstand. »Dann will ich Euch nicht länger stören, ich wünsche Euch gute Besserung«, sagte er und schlüpfte rasch aus der Krankenstube.

Als er sich geraume Zeit später seinem Haus näherte, hörte er schon von weitem laute Schreie aus dem Oberstock. Was war da los? Er unterschied männliche und weibliche Stimmen, konnte aber nichts verstehen. Voll dunkler Vorahnungen hastete er durch die Tür und die Treppe hinauf. Das Erste, was er sah, war Gorms breiter Rücken. Er drängte ihn beiseite und erblickte Tauflieb und Marthe und – Freyja. Sie stand neben der Abseite, ihre Blöße mit einem Stück Sack bedeckend, und rief aufs Höchste erregt: »Ich lass mich nicht wegschließen wie ein Hund! Dass ihrs nur wisst! Ich will meine Kleider, meine Kleider will ich! Sofort!«

Marthe hing an ihr wie eine Klette. »Nu beruhich dich doch, Kindchen, beruhich dich! Wenns der Herr gesacht hat, hats gewisslich seine Richtigkeit mitm Schloss.«

»Das ist mir gleich! Verschwindet! Alle! Sofort! Ohhh …« Freyja hatte Lapidius bemerkt.

Marthe seufzte: »Der Herr is da. Gott sei gelobt un gepriesen!«

Tauflieb ging in die Hocke, um eine letzte Schraube festzuziehen. »Die Frau spielt verrückt«, knurrte er. »Wir haben nur unsere Arbeit gemacht, mehr nicht. Zuerst haben wir sie gar nicht bemerkt in der Abseite, so dunkel wies da drinnen ist, stimmts, Gorm?«

Der Hilfsmann schien die Worte seines Meisters nicht gehört zu haben, denn er starrte wie gebannt auf die kaum verhüllte Frau.

»Stimmts, Gorm?«

»Ja, jahaaa.« Gorm konnte den Blick nicht von Freyja lösen.

Tauflieb fuhr fort: »Auf einmal schießt dieses Weib hervor, rennt uns über den Haufen und schreit wie am Spieß. Na, mir kanns egal sein, die Arbeit ist getan. Auch das Loch haben wir in die Klappe geschnitten.«

Lapidius biss sich auf die Lippen. Die Situation, die er unbedingt hatte vermeiden wollen, war eingetreten. Die Wirkung seines Tranquiliums hatte vorzeitig nachgelassen, und Freyj a war wach geworden. Doch daran ließ sich nun nichts mehr ändern. »Ich danke Euch, Meister Tauflieb«, sagte er. »Bitte lasst uns allein.«

»Das müsst Ihr mir nicht zweimal sagen«, knurrte Tauflieb, »hier, nehmt den Schlüssel zum Schloss. Komm schon, Gorm.«

Lapidius wandte sich an Marthe. »Du hast sicher Arbeit unten in der Küche.«

Die Magd verschwand ebenfalls, wenn auch widerstrebend.

Jetzt erst hatte Lapidius Zeit, Freyj a richtig in die Augen zu sehen. Wut stand darin. Wut und Empörung. Und eine Portion Verzweiflung. »Ich hatte gehofft, du würdest länger schlafen«, sagte er betont ruhig. »Dann hätte ich dir alles erklären können.«

»Pah! Ich lass mich nicht wegschließen wie ein Hund!« »Es ist nur zu deinem Besten, bitte, glaub mir.«

»Pah!«

»Setz dich da auf die Truhe und hör mir zu. Ich habe dir schon gesagt, dass die Kur außerordentlich unangenehm ist. Du wirst nicht nur schwitzen, dir werden auch sämtliche Knochen im Leibe wehtun. Manches Mal wirst du glauben, es nicht mehr aushalten zu können, und nur noch einen Gedanken haben: hinaus aus der Hitzkammer! Hinaus, hinaus! Aber glaube mir: Es wäre das Falscheste, was du machen kannst. Einmal begonnen, musst du die Kur um alles in der Welt durchstehen, denn bei einem Abbruch wäre alles umsonst gewesen.«

Freyja Säckler schwieg. Immerhin schossen ihre blaugrünen Augen keine Zornesblitze mehr.

Lapidius setzte nach: »Ich werde nicht immer darauf achten können, dass du stark bleibst. Nur deshalb habe ich das Schloss anbringen lassen. Wenn du jetzt denkst, das sei wie im Kerker, vergiss nicht, dass dein Aufenthalt in der Hitzkammer freiwillig ist. Und überhaupt: Das Schloss ist nur eine Sicherheit für dich, eine Sicherheit wie … wie«, er suchte nach Worten, »wie sie damals auch Odysseus brauchte, als er dem Gesang der Sirenen widerstehen wollte.«

Die Frau blickte verständnislos und drückte das Stück Sack fester an sich.

»Ach, du kennst die Odyssee natürlich nicht, also lass dir erklären: Odysseus war ein König im alten Griechenland. Er war ein listiger Krieger und großer Seemann. Auf einer Fahrt über das Meer kam er eines Tages in die Nähe der Insel, auf der die Sirenen lebten. Das waren Meeresnymphen mit Vogelleibern und Frauenköpfen. Von ihnen hieß es, ihre Gesänge seien so süß, dass niemand sich ihrem Locken entziehen könne. Ein Seemann, der sie vernahm, steuerte wie unter Zwang sein Schiff geradewegs auf die Insel zu, wo es an den Felsen zerschellte. Odysseus war nun in der Zwickmühle: Einerseits wollte er unbedingt die süßen Stimmen hören, andererseits wollte er nicht sein Schiff verlieren. Weißt du, wie er das Problem löste?«

»Nein, weiß ich nicht.«

Aufatmend stellte Lapidius fest, dass die Geschichte Freyjas Aufmerksamkeit zu fesseln begann. »Nun, er befahl seinen Männern, ihn an den Mast zu binden, so fest, dass es ihm nicht einmal unter Aufbietung aller Kräfte gelingen konnte, sich zu befreien. Gleichzeitig schärfte er ihnen ein, sich in keinem Fall um ihn zu kümmern, egal, was er täte.«

»Und dann ist er zu den Sirenen hin?«

»Nein, noch nicht. Erst legte er einen Kurs fest, der sein Schiff nahe an der Insel vorbeifuhrte, dann sorgte er dafür, dass seine Männer sich die Ohren mit Wachs zustopften. Alsbald kam er in den Bereich der Gesänge, und sie waren über die Maßen süß und verlockend. Odysseus befahl, das Schiff zur Insel zu steuern, aber seine Männer beachteten ihn nicht, wie er es angeordnet hatte. Er befahl es erneut, und wieder gehorchten sie ihm nicht. Da fing er an zu schreien; er tobte, flehte, bettelte, denn die Gesänge waren überirdisch schön.

Indes: Seine Männer segelten ungerührt an der Insel vorbei. Sie selbst konnten der Versuchung ja nicht erliegen, da sie nichts hörten. Odysseus aber hatte auf diese Weise zweierlei erreicht. Er hatte die Stimmen vernommen und sein Schiff behalten.«

»Aha. Und ich bin so was wie Odysseus am Mast?«

»Ganz genau!« Lapidius freute sich. Ihre Schlussfolgerung zeugte von Intelligenz. Freyja Säcklers Bildung mochte gering sein, gescheit war sie dennoch. »Durch das Schloss in der Tür, das dich am Fortlaufen hindert.«

»Aber Odysseus hat schöne Lieder gehört. Und ich werd nur Schmerzen haben.«

»Das stimmt. Aber am Ende wirst du über die Krankheit triumphieren – genauso wie Odysseus über die Sirenen. Und nur daraufkommt es an.«

»Ja«, sagte sie und begann zu zittern. Im Gegensatz zur

Hitzkammer war es kalt im Raum, und sie hatte nichts an. »Großer Gott«, entfuhr es ihm, »dich friert ja! Das ist

Gift für die Behandlung. Du musst wieder in die Kammer.«

Sie reagierte nicht. Und zu seiner Überraschung fragte

sie: »Hatte Odysseus eine Frau?«

»Ja, wieso? Sie hieß Penelope.«

»Penelope«, wiederholte sie. »Komischer Name, aber er klingt hübsch.«

»Du musst wieder in die Kammer. Bitte!«, drängte er. »Ich gehe jetzt. Du wirst dich doch wieder hineinlegen?« Sie blickte ihn prüfend an.

»Es ist wirklich wichtig.«

»Ich tus. Aber ich sag Euch: Wenn Ihr die Geschichte mit Odysseus nicht erzählt hättet, würd ich jetzt weg sein. Und ich tus auch nur, wenn das Schloss nicht zu ist.«

»Einverstanden. Ich schicke dir Marthe hoch. Sie soll deine Einschmierung überprüfen. Und dann bekommst du noch ein Diaphoretikum.«

»Wie?«

»Verzeih, ich meine ein schweißtreibendes Mittel.«

»Ich will auch noch Licht.«

»Ich bringe dir später eine Öllampe und stelle sie vor die Türklappe. Aber sie kann nicht die ganze Nacht hindurch brennen, das wäre zu gefährlich.«

»Werdet Ihr kommen und sie ausmachen?« »Ja.«

»Wann?«

»Wir werden sehen. Aber ich komme bestimmt.«

Lapidius kletterte die Treppe hinunter und begab sich in die Küche, wo er die Magd halb schlafend an der Feuerstelle antraf. »Marthe, hier ist der Schlüssel zu Freyjas Kammer. Sperr ab, nachdem du die Kranke versorgt hast.«

Die Magd gähnte herzhaft. »Ja, Herr, is gut, Herr, wassollichn machen?«

Lapidius erklärte es ihr. »Und dann noch etwas: Es gibt nur diesen einen Schlüssel. Er darf nicht verloren gehen. Grundsätzlich trage ich ihn bei mir, bis auf die Male, wo ich ihn dir aushändige. Jedes Mal, wenn du ihn gebraucht hast, gibst du ihn mir sofort zurück, es sei denn, ich bin nicht da oder andere Gründe sprechen dagegen. In diesem Fall versteckst du ihn …«, er blickte sich suchend um, denn er wusste, in der Mauer neben dem Herd saß ein Stein locker, »ja, dort, hinter dem losen Ziegel.«

»Is gut, Herr, werds mir merken. Sollich was heiß machen? Essis Suppe da.«

»Nein, danke. Ich will noch ein wenig experimentieren.«

»Is gut, Herr. Aber ich sach Euch, wenn Ihr immer nur hinter Euern Blubbergläsern hocken tut, fallt Ihr noch vom Stängel, un ich …«

»Marthe ! «

»Ja, Herr, ja, ich geh ja schon.«

 

 

DRITTER
BEHANDLUNGSTAG

Freyja lag in der Hitzkammer und fragte sich, wie spät es sein mochte. War der Morgen schon angebrochen? Irgendwann in der Nacht, sie hatte halb geschlafen, war Lapidius gekommen und hatte die Lampe gelöscht.

Lapidius. Welch ein seltsamer Mann. Groß gewachsen, aber hager und nicht unbedingt gut aussehend. Eher streng, mit kühlen grauen Augen. Und keineswegs mehr jung. Andererseits ein Mann, der etwas ausstrahlte. Ein Herr von Stand eben, auch wenn er sich etwas nachlässig kleidete. Er musste viel erlebt haben, bevor er nach Kirchrode kam. Aber was? Ein Geheimnis lag über ihm, da war sie sicher.

Ein Juckreiz an der Schulter stellte sich ein, und sie kratzte sich mühevoll. Quecksilberschmiere geriet ihr zwischen die Finger, breiiges, stinkendes Zeug, das sie an einem der Dachsparren abwischte. Ihre Gedanken kehrten zu Lapidius zurück. Noch nie im Leben war sie einem Menschen begegnet, der uneigennützig etwas für sie getan hatte – ihre Mutter natürlich ausgenommen. Und noch immer konnte sie das Misstrauen ihm gegenüber nicht ganz ablegen. Irgendetwas musste dahinter stecken, dass er so handelte …

Allerdings glaubte sie ihm, wenn er die Gefährlichkeit der Syphilis immer wieder unterstrich. Sie hatte nicht darüber gesprochen, aber sie wusste, wie ein Franzosenhaus von innen aussah. Sie war einmal mit ihrer Mutter in einem gewesen und konnte sich gut an die erbarmungswürdigen Gestalten darin erinnern. Manche von ihnen waren inzwischen sicher wie die Tiere krepiert. Trotz der Hitze, die sie umgab, lief ihr ein Schauer über den Rücken. So wollte sie nicht sterben. So nicht! Aber würde sie wirklich sterben müssen, wenn sie die Kur nicht durchhielt? Schon jetzt fühlte sie sich deutlich schlechter als vor der Behandlung. Schlaff und schwer. Und der Kopf dröhnte ihr, als wollte er zerspringen. Was konnte an einer Kur gut sein, bei der es einem schlechter ging als vorher?

Vorsichtig drehte sie sich auf die andere Seite, denn sie spürte erste Druckstellen auf der Haut. Ein Schweißausbruch am ganzen Körper war die Folge. Es war heiß in der Hitzkammer. Und eng, so eng, dass sie nur mit angelegten Armen liegen konnte. Und dunkel. Sie hob den Kopf, um durch das von Meister Tauflieb geschaffene Türloch zu spähen. Sie wollte wissen, ob der Tag schon angebrochen war.

Und dann sah sie die Spinne, direkt über ihren Augen.

Früh am Morgen saß Lapidius in seinem Lieblingsstuhl und ließ den Blick über sein Laborgerät schweifen. In dem halben Jahr seit Erwerb des Hauses hatte er einige schöne Stücke zusätzlich erstehen können. Unter anderen drei Albarellos aus Italien, tönerne Gefäße mit ebenmäßiger, weiß deckender Zinnglasur. Dazu die kunstvoll geschnitzte Allegorie der Alchemie über der Tür – ein Meisterwerk, das eine Figur zeigte, die zwei Bücher in der Hand hielt: eines die geheime Wissenschaft darstellend, das andere die öffentliche. Vor der Figur ragte eine Leiter auf, als Sinnbild der Geduld, die erforderlich war, um Stufe für Stufe das Große Werk vollenden zu können. Lapidius unterdrückte ein Gähnen und korrigierte in seinem Büchlein die Eintragung Montag, 11. in Donnerstag, 14.

Drei Tage war er nun schon nicht zum Experimentieren gekommen, drei lange Tage, denn am gestrigen Abend war er über der Arbeit eingeschlafen. Doch heute sollte das anders werden. Freyja Säckler lag oben in der Hitzkammer, und sie würde, so Gott wollte, auch dort liegen bleiben. Er konnte sich also endlich seiner Variatio VI zuwenden. Anschließend, gegen Nachmittag, wollte er den beiden seltsamen Zeuginnen auf den Zahn fühlen. Er wurde den Gedanken nicht los, dass mit ihnen etwas faul war.

Da hörte er den Schrei. Er war lang gezogen, spitz, gellend. Und er klang so, als käme er aus einem hohlen Baumstamm. Lapidius sprang auf und blickte sich fragend um. Dann wusste er es: Der Schrei war aus dem Sprechschacht neben seinem Bett gekommen. Das musste Freyja gewesen sein. Was war mit ihr passiert? »Warte, Freyja!«, rief er. »Warte, ich komme!«

Mit rudernden Armen stürmte er die Stufen zum Oberstock hinauf, wo mittlerweile heftig von innen gegen die Klappe geschlagen wurde. »Was ist denn los, um Himmels willen?«

Freyjas schreckgeweitete Augen erschienen hinter der Türöffnung. »Eine Spinne! Sie war fast auf mir drauf.«

»Eine Spinne? Gott sei Dank! Ich dachte schon, es sei etwas Ernstes.«

»Es ist ernst! Ich bleib nicht länger hier drin. Raus will ich! Raus!«

»Ja, ja, natürlich. Warte.« Lapidius hielt es für das Beste, zunächst einmal auf seine Patientin einzugehen. Er kramte in seinen Taschen nach dem Schlüssel, fand ihn nicht, suchte erneut und erkannte endlich, dass Marthe ihn noch haben musste. Eine Erklärung murmelnd hastete er hinunter in die Küche, wo er die Magd am Herd vorfand. »Marthe, den Schlüssel zur Kammer! Schnell!«

»Den habich nich, Herr.«

»Großer Gott, wo ist er denn, ich …«

»Wo soller schon sein, Herr. Wie Ihr gesacht habt, hinterm losen Stein, wennich ihn nich haben darf. Wolltn bringen gestern Abend, aber Ihr wart j a …«

»Schon gut.« Lapidius holte den Schlüssel hervor, eilte, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, in den Oberstock zurück und sperrte auf.

Freyja funkelte ihn an. »Ich kann Spinnen nicht ausstehen! Ekeln tu ich mich davor.«

»Schon gut. Wo ist das Tierchen denn? Ahhh, da.« Lapidius hatte es auf einem Balken entdeckt und wischte es fort. »So, nun ist alles wieder im Lot.«

»Nichts ist im Lot. Ihr habt versprochen, dass Marthe die Spinnen wegnimmt. Jeden Tag.« Lapidius nestelte an seiner Samtkappe. »Jaja, das tat ich. Ich muss gestehen, ich habe vergessen, es ihr zu sagen. Ich werde es später nachholen.«

»Alles ist schlimmer, als ich gedacht hab. Viel schlimmer. In meinem Kopf dröhnts, als saß ein Schwarm Hornissen drin, und die Glieder tun mir sämtlich weh.«

Lapidius betrachtete ihr Gesicht mit Wehmut, nicht zuletzt, weil er an seine wartende Versuchsvariation dachte. Sich vor ihr auf den Boden setzend, antwortete er: »Ich habe dir gesagt, dass es um Tod und Leben geht. Da kannst du keine Behandlung wie bei einem harmlosen Schnupfen erwarten. Die Kur haben schon ganz andere durchgestanden, Arme und Reiche, normale Bürger und Hochwohlgeborene. Ulrich von Hutten zum Beispiel. Er war ein Edelmann und Dichter. Und er hatte nicht nur die Syphilis, sondern obendrein das Wechselfieber. Er verfasste zwei kleine Werke, die Gesprächbüchlin, in denen er seinen Kampf gegen die Leiden beschrieb. Er schildert darin, wie er sich mit seinem Fieber unterhält …«

Lapidius unterbrach sich, denn ihm war eingefallen, dass besagter von Hutten nicht weniger als elf Kuren über sich hatte ergehen lassen müssen, was ein Martyrium gewesen war – ein Martyrium, das sich als umsonst erwiesen hatte. So gesehen, gab der Edelmann ein schlechtes Exempel ab.

Schnell redete er weiter: »Vielleicht hilft es ja auch dir, wenn du mit deiner Krankheit sprichst.«

»Ich will nicht mit meiner Krankheit sprechen. Ich will raus hier! «

Lapidius musste an sich halten, um nicht die Geduld zu verlieren. »Wenn du die Kammer verlässt, kneifst du vor der Krankheit. Das wäre früher oder später dein sicherer Tod. Aber wenn du es wünschst, kannst du auch anders sterben: lichterloh brennend auf dem Scheiterhaufen. Oder, meinst du ernsthaft, du könntest den Fängen der hiesigen Gerichtsbarkeit entgehen?«

Freyj a schwieg verstockt.

»Glaub mir, du hast nur eine Möglichkeit: nämlich, da drinnen zu bleiben und gleichzeitig zu hoffen, dass es mir gelingt, die Hexenvorwürfe gegen dich zu entkräften. Was ist eigentlich mit den Zeuginnen Koechlin und Drusweiler, die gegen dich ausgesagt haben? Kennst du sie?«

»Nein … ja. Ein bisschen.«

»Was denn nun?«

»Sie haben ein paar Mal bei mir gekauft.«

»Was gekauft? Wo? Bei welcher Gelegenheit? Lass dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen.«

Er hörte sie etwas murmeln, das nach einer aufsässigen Bemerkung klang, überging es aber. Dann sprach sie wieder deutlicher: »Die haben Kräuter bei mir gekauft. Kenn sie kaum. Hab Euch ja gesagt, dass ich mit dem Kräuterwagen fahr. Alle paar Wochen bin ich hier, und da hab ich ihnen was verkauft.«

»Erzähl mir mehr.«

»Was gibts da groß zu erzählen? Ich halt frische Kräuter feil und auch getrocknete. Die getrockneten sind in Säckchen. Die sind verschieden groß. Ein kleines Säckchen kostet …«

»Schon gut«, unterbrach Lapidius. »Das meinte ich nicht. Erzähle mir, wie die beiden Frauen sind.«

»Kann ich Wasser haben?«

»Ja, warte.« Er rief nach der Magd und ließ einen Becher Brunnenwasser bringen. Freyja nahm ihn, stützte sich mühsam auf einen Ellenbogen und tat ein paar Schlucke. Als Marthe wieder fort war, antwortete sie:

»Die Koechlin ist so eine Pummelige. Alles an der ist dick. Die Nase sieht aus wie eine Rübe, ja, genau so. Wie eine rote Rübe, nur nicht so groß. Und flinke Augen hat sie. Die kriegt alles mit, sag ich Euch. Wenn keine von meinen Kundinnen sieht, dass eins der Kräutlein nicht frisch ist, die siehts! Könnt Gift drauf nehmen.

Die andere, die Drusweiler, ist dürr wie eine Bohnenstange und hässlich wie die Nacht. Drei oder vier dicke Warzen hat die im Gesicht. Ist wohl noch nie drauf gekommen, dass man die besprechen lassen könnt. Die Frauen sagen, sie hätt mit ihrem Gekeife den eigenen Mann unter die Erde gebracht.« Trotz der Situation musste Lapidius schmunzeln. »Du hast eine gute Beobachtungsgabe«, sagte er anerkennend.

»Halb so wild. Ich weiß es nur, weils beim letzten Mal Zank mit ihnen gab. Hatten sich vorgedrängt, die zwei. Aber da waren sie bei den anderen Frauen richtig. Hui, wie da die Fetzen flogen! Hätt nicht viel gefehlt, und der Bader hätt geholt werden müssen.«

»Wann war das?«

»Vor drei Wochen, vielleicht vier. Jedenfalls kenn ich die beiden kaum.«

Lapidius überlegte laut. »Wenn das so ist: Wie kommen sie dann dazu, von dir zu behaupten, du hättest einen Axtstiel bluten lassen, Kinderfinger eingekocht, Tiere verhext und derlei Unsinn mehr?«

»Keine Ahnung.«

»Wirklich? Könntest du das vor Gott beschwören?« »Natürlich. Ich kenn sie nicht. Hab sie höchstens ein paar Mal gesehen, wie ichs schon gesagt hab.«

Lapidius atmete hörbar aus. »Ich glaube dir. Und ich verspreche, dass ich mich noch heute dieser ›Damen‹ annehmen werde. Doch jetzt schlafe. Marthe wird dir vorher noch ein Diaphoretikum geben.«

Wenig später stieg er noch einmal zu ihr in den Oberstock hinauf und stellte zufrieden fest, dass sie eingeschlummert war.

Da schloss er die Türklappe ab.

Um die dritte Stunde nach Mittag suchte Lapidius die beiden Zeuginnen auf. Die von Marthe gegebene Beschreibung machte es ihm leicht, den Weg zu finden. Die Frauen wohnten in zwei Wand an Wand stehenden Häusern. Er hatte Glück, denn er traf beide am Küchenfeuer der Drusweiler an. Nachdem er sich vorgestellt hatte, taxierte die Dürre ihn von oben bis unten und fragte mit säuerlicher Stimme: »Und? Was verschafft uns die Ehre Eures Besuchs?«

Lapidius rückte seine Samtkappe zurecht und straffte sich. »Kennt Ihr eine Freyja Säckler?« »Wie sollten wir nicht? Die halbe Stadt kennt doch die Hexe.«

»Eben darüber wollte ich mit Euch sprechen. Wieso seid Ihr sicher, dass sie eine Hexe ist?«

Die dicke Koechlin mischte sich ein. »Alle Welt weiß es. Also auch wir. Was gehts Euch an?«Ihre Äuglein erinnerten Lapidius an die eines Mäuschens. Freyj a hatte in der Tat eine gute Beschreibung der Frauen abgegeben. Noch ehe er etwas erwidern konnte, gab sie selbst die Antwort: »Wohl, weil Ihr mit der zusammenlebt, wie? Man hat Euch gesehen, wie Ihr gemeinsam Euer Haus betreten habt. Die Spatzen pfeifens von den Dächern, dass Ihr mit der was habt. Und? Ist es so?«

Lapidius versuchte, sich seinen Ärger nicht anmerken zu lassen. Er durfte sich nicht in die Defensive drängen lassen, musste es anders anpacken. »Richter Meckel erzählte mir, Ihr behauptet, die Säckler hätte einen Axtstiel bluten lassen.«

Nun war die Koechlin wieder dran: »Das und mehr! Wir habens mit unseren eigenen Augen gesehen, nicht wahr, Maria?«

»So gewiss, wie der Heiland am Kreuze starb«, nickte die Dürre. »Es war unsere Pflicht, alles zu melden, damit unsere Stadt endgültig von Hexen, Truden, Unholden und Weidlerinnen befreit wird. Wir lieben es, wenn Ordnung herrscht.«

Lapidius kam ein Gedanke. Es gab in vielen Landstrichen so genannte Hexensucher. Das waren Männer oder Frauen, die gewerbsmäßig Verleumdungen sammelten, um sie an die Obrigkeit weiterzugeben. Wurden die Denunzierten überführt, kassierten sie eine Belohnung – wobei anzumerken war, dass die Überführung nahezu immer gelang, weil die Opfer unter der Folter gestanden. Waren Auguste Koechlin und Maria Drusweiler Hexensucherinnen? »Wie oft habt Ihr schon derartige Aussagen vor einem Gericht gemacht?«, fragte er.

»Wie oft?« Beide Zeuginnen schauten sich an. »Wieso? Das erste Mal natürlich.«

»Soso. Natürlich, sagt Ihr?« Lapidius überlegte rasch. In der Tat sprach einiges dafür, dass die Frauen in diesem Punkt nicht logen, denn als gewerbsmäßige Hexensucherinnen hätten sie eine gewisse Bekanntheit in der Stadt gehabt. Er ließ das Thema fallen. Sein Blick wanderte durch die blitzblank geputzte Küche und durch das Fenster in den gemeinsamen Hinterhof hinaus. Jedes Ding befand sich an seinem Platz. Drinnen wie draußen. Der Hof war sorgfältig gefegt. In einer Ecke hing gut gefettetes Pferdegeschirr, davor stand ein zweirädriger Holzkarren, auch dieser gepflegt und bestens instand. Ein kleiner Kräutergarten grüßte herüber, und ganz hinten, in einer Ecke, war Scheitholz akkurat übereinander gestapelt. Ein Hauklotz gehörte dazu – mit einer hineingeschlagenen Axt.

Lapidius setzte sein verbindlichstes Lächeln auf und bat: »Würdet Ihr mir einen Gefallen erweisen? Bitte folgt mir auf den Hof.« Ohne die Antwort der zwei abzuwarten, schritt er hinaus, überquerte den Platz und blieb schließlich vor der Axt stehen. Mit einiger Anstrengung riss er sie aus dem Hauklotz und untersuchte alsdann den Stiel auf das Sorgfältigste. Endlich wandte er sich an die Frauen: »Könnt Ihr mir sagen, wo an diesem Schaft Blut klebt?«

»Blut, wieso soll da denn Blut dran sein?«, fragte die dicke Koechlin.

Lapidius blickte ihr direkt in die Mausäuglein.

Sie wurde unsicher. »Das ist die Axt von meinem Mann. Und es ist nicht so, wie Ihr denkt. Mein Walter könnts bestätigen, aber er ist im Berg. Nicht wahr, Maria?«

Die Dürre nickte. »Im Berg«, wiederholte sie.

»Aber Ihr habt doch vorhin gesagt, Ihr hättet mit eigenen Augen gesehen, wie der Stiel geblutet hat. Da liegt es nahe, dass es diese Axt war. Und dass die Säckler hier auf dem Hof ihr Unwesen getrieben hat.«

Die Koechlin knetete die Hände. »Diese Axt wars nicht. Es war eine andere.«

»Aha. Eine andere. Wo habt Ihr denn diese andere Axt bluten sehen? Auf dem Marktplatz? Vor der Stadtmauer? Im Wald? In den Bergen?«

Die Koechlin suchte nach Worten.

»Wo ist diese andere Axt jetzt? Wem gehört sie? Sie muss doch einen Besitzer haben!«

Keine Antwort. »Wer war überhaupt dabei, als Ihr die Axt habt bluten sehen? Nur Freyja Säckler? Oder auch andere, die Eure Beobachtung bestätigen können?«

»Jetzt ists aber genug!« Die dürre Drusweiler stemmte die Arme in die Hüften. »Wollt Ihr etwa behaupten, wir würden nicht die Wahrheit sagen? Ihr glaubt wohl dieser hergelaufenen Hu… äh, Hexe mehr als zwei unbescholtenen Frauen? So weit kommt es!« Ihre Stimme bekam einen schrillen Unterton. »Verlasst sofort unseren Hof.«

Die Koechlin hatte sich wieder gefangen. »Ja, verlasst ihn. Sofort! Oder ich schicke nach dem Büttel!«

Lapidius hieb die Axt wieder in den Klotz. »Wie Ihr wollt. Ich stelle aber fest, dass Ihr weder wisst, wo Euch die blutende Axt begegnet ist, noch eine Vorstellung davon habt, wem sie gehört, noch weitere Zeugen benennen könnt. Ich glaube, das Ganze ist ein reines Hirngespinst, nicht mehr als ein Produkt Eurer Einbildung. Ebenso wie alle anderen Untaten, die Ihr der Säckler in die Schuhe schieben wollt.« Er wandte sich ab und verließ mit schnellen Schritten den Hof.

Auf dem Heimweg ging ihm das Gespräch nicht aus dem Kopf. Die Frauen, das schien klar, waren keine Hexensucherinnen. Ansonsten hatten sie sich selbst als Lügnerinnen entlarvt. Jedes Wort, jeder Satz, jede ihrer Reaktionen sprach dafür. Die Frage war nur: Was hatten sie davon, eine junge Frau, die sie kaum kannten, als Hexe zu denunzieren? War es die reine Bosheit, die dahinter stand? Das reine Vergnügen, jemanden in die Folterkammer zu bringen? Er konnte es sich nicht vorstellen.

Und dann war da noch etwas. Etwas Ungereimtes. Etwas, das nicht zusammenpasste. Doch er kam nicht darauf.

Erst spät am Abend, in seinem Laboratorium, wusste er es plötzlich. Es war der Kräutergarten im Hinterhof der Zeuginnen. Der machte keinen Sinn. Denn warum sollte jemand, der einen solchen Garten besaß, zu einer Kräuterhändlerin wie Freyja Säckler gehen? Es musste dafür einen bestimmten Grund geben.

Und vielleicht führte dieser Grund zur Wahrheit.